TL;DR: Ein Software-Unternehmer entdeckt zufällig, dass ein Entwickler 42 offene Tickets angesammelt hat — darunter Aufgaben, die 5 Minuten dauern würden. Ein Kunde wartet seit 3 Wochen. Das Team arbeitet konzentriert, aber jeder priorisiert für sich allein. Der Hebel war eine einzige gemeinsame Sicht, auf der Tickets und Projektaufgaben zusammen priorisiert werden.
42 Tickets, 3 Wochen Wartezeit, 5 Minuten Arbeit
Ein Entwickler hat 42 offene Tickets bei sich liegen. 9 davon wären in 5 Minuten erledigt. Er arbeitet seit 3 Tagen an einer größeren Aufgabe. Konzentriert, fokussiert, produktiv.
Gleichzeitig wartet ein Kunde seit 3 Wochen auf eine Kleinigkeit, die eine halbe Stunde dauern würde. Vielleicht weniger.
Entdeckt hat das ein Software-Unternehmer mit rund 15 Mitarbeitern, den ich begleite. Er hat es durch Zufall gesehen. Kein System hat Alarm geschlagen. Kein Kollege hat eingegriffen.
Was das Team daran gehindert hat, einzugreifen
Kein Kollege hat sich eines der 42 Tickets geschnappt. Der Grund: Jeder im Team hat auf die Ticket-Liste dieses Entwicklers geschaut und gedacht — der ist bestimmt dran. Der hat sich was dabei gedacht.
Hat er auch. Er hat priorisiert. Für sich allein, nach seiner eigenen Logik.
Und genau das hat jeder im Team gemacht. Jeder hatte seine eigene Warteschlange, seine eigene Reihenfolge. 10 Tickets auf dem Tisch, 9 davon schnell erledigt, eines dauert länger — womit fängt man an? Mit dem langen. Die kurzen bleiben liegen.
Im Coaching wurde sichtbar: Tickets liefen in einer Liste, Projektaufgaben in einer anderen. Es gab keine gemeinsame Reihenfolge und kein gemeinsames Bild. Niemand konnte auf ein Board schauen und sehen, was gerade wo hängt. Die Leute haben gearbeitet. Jeden Tag. Aber blind füreinander.
Niemand hat eingegriffen, weil niemand sehen konnte, dass dort etwas feststeckt.
Warum getrennte Listen das Team blind machen
Das Problem steckt an einer Stelle, die selten auffällt: der Grenze zwischen Ticket-System und Projektplanung. In den meisten kleinen Software-Unternehmen gibt es für Tickets ein Tool und für Projekte ein anderes — oder beides im selben Tool, aber in getrennten Ansichten. Jeder Entwickler sieht seine eigene Spalte, seine eigene Liste. Das reicht, solange jeder einzeln arbeitet.
Sobald Aufgaben unterschiedlich lang sind und Kunden auf Ergebnisse warten, bricht dieses System. Denn die gemeinsame Priorisierung fehlt. Es gibt keine Stelle, an der ein Teamkollege sehen kann: Da liegt eine 5-Minuten-Aufgabe seit 3 Wochen bei jemandem, der gerade in einer 3-Tages-Aufgabe steckt. Ich könnte die in 5 Minuten erledigen.
Was stattdessen passiert: Jeder vertraut darauf, dass die anderen ihren Stapel im Griff haben. Und je mehr Tickets bei einem Entwickler liegen, desto stärker wirkt dieses Vertrauen — 42 Tickets, der muss sich ja was dabei gedacht haben. Also greift niemand ein.
Das Ergebnis ist paradox. Das Team arbeitet konzentriert und fühlt sich produktiv. Aber Kunden warten wochenlang auf Aufgaben, die Minuten dauern. Und der Software-Unternehmer merkt es erst, wenn sich jemand beschwert.
Die Lösung bei diesem Unternehmer war eine einzige Änderung: eine gemeinsame Sicht, auf der Tickets und Projektaufgaben zusammen priorisiert werden. Kein neues Tool. Kein neuer Prozess. Eine Ansicht, die für alle sichtbar macht, was gerade wo liegt und in welcher Reihenfolge es dran ist.
Ab dem Moment konnte jeder im Team sehen: Da steckt was fest. Da könnte ich helfen. Da wartet ein Kunde.
Selbst-Check: Weißt Du, wo Dein Team gerade steht?
Schau Dir diese Woche an, wie viele offene Aufgaben bei einzelnen Entwicklern in Deinem Team liegen. Schau Dir an, ob darunter Aufgaben sind, die unter einer Stunde dauern würden und trotzdem seit Tagen oder Wochen offen sind.
Wenn Du die Antwort darauf gerade nicht kennst — ohne in 3 verschiedene Tools zu schauen —, dann fehlt Dir die gemeinsame Sicht.
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Häufige Fragen
Brauche ich ein neues Tool für eine gemeinsame Priorisierungssicht?
Meistens nicht. Die meisten Teams haben bereits ein Ticket- oder Projektmanagement-Tool. Was fehlt, ist eine einzige Ansicht, die Tickets und Projektaufgaben zusammen zeigt und gemeinsam priorisierbar macht. Das lässt sich in Jira, Linear, Notion oder einem Kanban-Board mit einer zusätzlichen View lösen.
Wie merke ich, ob mein Team das gleiche Problem hat?
Schau Dir an, ob es Aufgaben gibt, die seit über einer Woche offen sind und weniger als eine Stunde dauern würden. Wenn ja, und wenn kein Kollege sie übernommen hat, fehlt die Sichtbarkeit. Ein zweites Signal: Du erfährst von Kundenbeschwerden, bevor Du vom Ticket-Stau erfährst.
Werden Entwickler sich nicht gegenseitig in die Aufgaben reinreden?
Die gemeinsame Sicht heißt nicht, dass jeder an allem arbeitet. Sie macht sichtbar, wo etwas feststeckt. Wer eingreift, ist eine Team-Entscheidung — aber sie kann nur getroffen werden, wenn alle sehen, was gerade los ist. Ohne Sichtbarkeit gibt es keine Entscheidungsgrundlage.
Funktioniert das auch bei Remote-Teams?
Gerade bei Remote-Teams ist eine gemeinsame Priorisierungssicht wichtig. Im Büro sieht man manchmal beiläufig, dass ein Kollege an etwas hängt. Remote fällt auch das weg. Eine digitale Sicht, die alle Aufgaben aller Entwickler mit Status und Reihenfolge zeigt, ersetzt das Flurgespräch.